Willkommen zu den Tagebuch-Einblicken in eine der renommiertesten und genussreichsten Ferienregionen der Schweiz.
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Donnerstag, 8. September 2016

Alle Menschen werden Brüder – Alle? Brüder?

Was passiert wenn hochkarätige Vertreter des Judentums, des Christentums, des Islams sowie ein Philosoph zusammen mit MrGstaad an einem Tisch sitzen? Ganz einfach, alle reden munter und blitzgescheit drauf los, nur MrGstaad wird immer leiser und hört lieber interessiert zu. So geschehen letzten Freitag, am Vorabend der ersten Austragung des Forums für Glaube und Kultur. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen mit den Teilnehmern des Podiums „Alle Menschen werden Brüder – Alle? Brüder?“ den Abend zu verbringen und sie mit einem Konzertbesuch ans „Gstaad Menuhin Festival“ sowie einem Nachtessen zu beglücken.
 
Die Teilnehmer am Podium
(Lamya Kaddor war kurzfristig verhindert und wurde durch Rabeya Müller ersetzt)
 
Das Forum für Glaube und Kultur bezweckt die Förderung des interreligiösen Dialogs. Das ambitionierte Ziel ist es, in ein paar Jahren eine Art „WEF der Religionen“ (Arbeitstitel) in Gstaad durchzuführen. Für diese Vision bzw. diese Zielsetzung wurde die Idee unlängst mit dem dritten Platz am Innovationspreis „Prix de Gessenay“ ausgezeichnet. Der Vereinsvorstand des Forums hat die Wachstumsstrategie in dem Sinne verabschiedet, dass man klein starten will und die Idee Schritt für Schritt weiterentwickeln möchte. Deshalb wurde im Menuhin-Jubiläumsjahr mit einem Pilotprojekt, dem besagten Podiumsgespräch, gestartet.

In meiner Funktion als Tourismusdirektor wurde ich schon relativ früh in den Prozess mit einbezogen. Ging es doch um Fragen wie „ist Gstaad als Standort überhaupt attraktiv genug“, bzw. „passt ein solcher Event überhaupt in den Region“, „entspricht ein solcher Event überhaupt den Gästebedürfnissen“, „oder „wo liegt denn der touristische Nutzen“. Viele dieser Fragen konnte ich von Beginn weg mit einem klaren Ja beantworten.
 
MrGstaad vor dem gespannten Publikum

Wo soll das Forum stattfinden, wenn nicht in Gstaad? Das Saanenland hat in seiner über hundertjährigen Tourismusgeschichte immer wieder grosse Humanisten, Philosophen oder Philanthropen zu Gast gehabt, wie bspw. Jiddu Krishnamurti oder natürlich Yehudi Menuhin. Sie alle spürten die Kraft, welche unsere Region versprüht und nutzten sie als Quelle der Inspiration für ihr Schaffen im Dienste der Menschheit. Ich bin überzeugt, dass diese Tradition weitergeführt werden muss. Die Welt droht aus den Fugen zu geraten und wir können einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass dies nicht passiert, indem wir eine Plattform der Religions- und Kulturverständigung anbieten und befruchten.

Die Welt wird immer komplexer und dynamischer. Trotz oder vielleicht gerade wegen einem Überangebot an Informationen auf allen Kanälen wird der Mensch immer orientierungsloser. Im Urlaub möchte er dann entschleunigen und sich wiederfinden. Immer mehr Gäste wollen dies im Sinne einer Horizonterweiterung tun. Sie gehen auf Studienreisen, machen Bildhauerkurse oder besuchen Philosophie-Seminare, wie das bspw. Lech am Arlberg erfolgreich durchführt. Mit unserem Forum würden wir zwar noch eine touristische Nische besetzen, aber für die Zukunft einen touristischen Megatrend aufnehmen. 

Mit dem Forum wollen wir künftig ganz klar die Nebensaison beleben. Eine Tourismusregion kann es sich nicht mehr leisten, nur für ein paar Monate im Jahr, einen auf attraktive Destination zu machen. Das wirkt zu aufgesetzt, zu unecht und entspricht in keinster Weise einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Region.
 
Engagierte Podiumsteilnehmer
 
Alle Menschen werden Brüder – alle? Können die Religionen in Sachen Völkerverständigung überhaupt ihren konstruktiven Beitrag leisten? Besteht in der brüderlichen Beziehung nicht der grosse Widerspruch per se? Wir sollen alle Brüder werden? Gründen nicht sämtliche Kriege, sämtliches Leid letzten Endes auf einem urbrüderlichen Zwist? Diese und einige Fragen mehr diskutierten unsere Gäste unter der Leitung von Dr. Norbert Bischofberger, bekannt aus der Sendung Sternstunden, des Schweizer Fernsehens am vergangenen Samstag. Das Zuschaueraufkommen war überwältigend hoch und die Feedbacks im Anschluss der Veranstaltung überdurchschnittlich positiv. So wurde ich auf meinem Weg vom Festivalzelt zurück zur „Gstaad Züglete“ mindestens fünfmal auf das Podiumsgespräch angesprochen. Allesamt positiv und hoffend auf eine Fortsetzung. Es scheint, als hätte man einem Gästebedürfnis mitten aus dem Herz entsprochen. Ich komme deshalb zum Schluss, dass das Forum für Glaube und Kultur seine Feuertaufe bestanden hat.

Nachfolgend ein paar Highlight-Zitate (nicht namentlich zugeordnet) aus der Podiumsdiskussion. Die hochinteressante Diskussion dauerte mit Fragen aus einem engagierten Publikum rund 90 Minuten. Der Moderator und meine Wenigkeit haben das Ende gesetzt, sonst würden wir wahrscheinlich jetzt noch im Festivalzelt debattieren. Wir blicken deshalb schon gespannt in die Zukunft und freuen uns auf eine nächste Ausgabe des Forums.

- „Hier sitzt eine gesprächsbereite Runde. Die Extremisten aus allen Religionen sind nicht gesprächsbereit.“
 - „Die Konzentration der Gläubigen auf das jeweils innere Wertesystem führt auf Dauer zu Abgrenzung gegen aussen – eine Art Gottesvergiftung.“
 - „Es braucht eine innerreligiöse Überprüfung traditionalistischer Vorstellungen und eine Entschlackungskur. Die Religionen haben Fett angesetzt, das nicht zu ihnen gehört.“
- „Jesus, Mohamed und die anderen Propheten waren auch nur Kinder ihrer Zeit. Wir müssen deshalb die überlieferten Texte immer wieder neu lesen, hören und interpretieren. Dies im Sinne einer fortlaufenden Offenbarung.“
- „Es gibt in den grossen Religionen sowohl Faschismus als auch Humanismus. Die Verdrängung des liberalen Gedankenguts führt zwangsläufig zu Extremismus.“
- „Die Diskussion um ein Burka-Verbot löst nur ein Stellvertreter-Krieg aus. Diese Diskussion nützt nicht, sie ist kontraproduktiv. Vielmehr sollte man den islamischen Frauen die Mittel an die Hand geben und sie bestärken, eine eigenbestimmte Wahl treffen zu können.“
- „Eine textilfreie Zone im Gesicht ist ein Grundwert und keine Glaubensfrage.“
- „Extremistische Präsenz in den Medien schafft Zurückweisung – dies führt dazu, dass sich die Betroffenen mit Ablehnung konfrontiert sehen. Diese Ablehnung bewirkt neue Abgrenzung und Extremismus. Unsere Aufgabe ist es, gerade die jungen Islam-Anhänger darin zu schulen, dass dieses extremistische Denken nicht mit dem Koran vereinbar ist.“

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