Willkommen zu den Tagebuch-Einblicken in eine der renommiertesten und genussreichsten Ferienregionen der Schweiz.
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Mittwoch, 18. November 2015

Tourismusmarketing auf dem Prüfstand

200 km Wanderwege, 150 km Skipisten, davon 80 % künstlich beschneit, 200 Gault Millau Punkte, 20‘000 Gästebetten, über 20 Berggasthäuser und Skihütten, 5 staatlich anerkannte Skischulen, zertifizierter Familienort, 3 Q Label, ISO-Zertifizierung. Die Liste dieser Aufzählungen ist nicht abschliessend. Diese fiktive Destination wirbt mit allem was sie hat. Als die Gäste noch in Scharen kamen, waren diese „Superlativ-Anhäufungen“ von Infrastrukturen und Qualitätsnachweisen das Mass aller Dinge im Tourismusmarketing. Noch heute gibt es beispielsweise zahlreiche Skigebiete, welche ihr Heil in der absoluten Anzahl befahrbaren Pistenkilometer suchen. Doch kommen dadurch auch mehr Gäste?

Vor ungefähr 50 Jahren nahm die Freizeitindustrie voll Fahrt auf. Davon profitierten auch die alpinen Regionen, vor allem im Winter. In Europa herrschte Aufbruchsstimmung und eine konsum- und freizeitorientierte Gesellschaft entwickelte sich. Urlaub war für grosse Kreise der Bevölkerung kein Luxusgut mehr. So war beispielsweise über viele Jahre hinweg die Woche Skiferien ein Pflichttermin für zahlreiche Familien aus Westeuropa. Viele Businessmodelle in den Alpen wurden dadurch zum kalkulierbaren Selbstläufer. Einfach den Ferienplan der verschiedenen Märkte im Auge behalten und die Wintersaison wurde zum absolut sicheren Geschäft.


Heute steht der alpine und ländliche Tourismus vor einem Paradigmawandel. Unsere Gäste aus den traditionellen Nahmärkten reisen öfters, bleiben kürzer und entscheiden kurzfristiger. Dabei haben die Reiseoptionen in den letzten zwei Jahrzehnten massiv zugenommen. Die Welt ist reise- und informationstechnisch extrem zusammengerückt. Der grosse Gewinner ist dabei der weltweite Städtetourismus. Vor allem sie können dem Gast ein Maximumerlebnis in einer minimalen Aufenthaltszeit bieten. Dieses kurzfristig orientierte Reiseverhalten entspricht einem Megatrend der letzten Jahre. Wie können die alpinen Destinationen dem Städtetourismus entgegenwirken?

Auf jeden Fall nicht mit der Anhäufung von quantitativen Infrastrukturdaten. Diese interessieren den Gast nur sekundär. Reisen heisst Sehnsucht nach Emotionen. Das differenzierende Erlebnis steht im Vordergrund. Dies bedingt in der Regel eine Redimensionierung des Angebots – eine Tourismusdestination kann es sich nicht leisten, auf allen Hochzeiten zu tanzen – und parallel dazu einen kompromisslosen Fokus auf Innovation, Qualität und eine entsprechende Diversifikation zu neuen Märkten und Nachfrageströmen. Dabei sind konkrete, selektive, authentische und persönliche Erlebnisse, einfach zugänglich gemacht, die zentralen Erfolgsfaktoren des touristischen Marketings. Denn sie lassen – auf das Hochpreisreiseland Schweiz bezogen – den komparativen Preisnachteil überwinden.

Schweiz Tourismus ist sich diesen neuen Herausforderungen sehr wohl bewusst. Im Rahmen einer Strategie-Überprüfung führen sie neu den Segmentfokus ein. Dieser Fokus setzt auf eine klare Segmentierung der Gäste und bewirbt dann pro Segment die entsprechenden Erlebnisse, welche die entscheidenden Differenzierungsmerkmale aufweisen, um die Gäste vom Reiseland Schweiz zu überzeugen.
Die neue Segmentierung von Schweiz Tourismus
Nehmen wir als Beispiel das Segment „Nature Lover“. Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, nennt im Rahmen seiner zahlreichen Auftritte und Referate immer wieder dieses Beispiel. In diesem Segment gibt es verschiedene Zielgruppen, welche schlussendlich mit differenzierenden Erlebnissen beworben werden. Zwei mögliche Zielgruppen in diesem Segment sind nach Schweiz Tourismus der „Outdoor Enthusiast“ oder der „Ecotourist“. Beide interessieren sich sicherlich für das sog. „Wild Life Watching“ und zwar in der freien Natur. Eine Innovation, welche Schweiz Tourismus seit kurzem aktiv promotet. Authentisch, selektiv, exklusiv und sehr persönlich bzw. individuell. Zugegeben, wilde Tiere kann man in der Schweiz schon lange beobachten. Einfach zugängliche touristische Produkte, welche kommunikativ richtig verpackt an die richtige Zielgruppe vermarktet werden, muss man allerdings in der Tourismuslandschaft Schweiz lange suchen. Und genau darin besteht die touristische Innovation. Schweiz Tourismus hat es sich nun zum Ziel gemacht, zusammen mit den Destinationen, diese Angebote zu suchen bzw. zu entwickeln, Zielgruppengerecht aufzubereiten und sie dann anschliessend auf den entsprechenden Kanälen zu vermarkten.

Wild Life Watching im Saanenland (keine Fotomontage)
Warum erzähle ich Ihnen das? Ganz einfach, mir wurden unlängst wunderbare Aufnahmen aus dem Saanenland zugespielt. Diese Fotos entstanden letzte Woche an der Gummfluh. Majestätisch bewegen sich diese Könige der Alpen und bieten ein Schauspiel, welches eigentlich unbezahlbar ist. Diese Tiere in der freien Wildbahn beobachten zu dürfen schafft genau diese emotionale Verbundenheit mit der Natur und der Region, wo man seine Auszeit aus dem Alltag verbringt. Dieses Erlebnis ist echt, nicht austauschbar und rückt den Blick auf die Welt wieder ins rechte Licht.

Hier sind wir die Chefs
Kann man jetzt dieses Erlebnis im Saanenland buchen? Nun, eine Garantie auf Wildtierbegegnungen gibt es nicht. Was es aber gibt, sind einzelne Leistungsträger, welche solche Touren bereits im Programm haben. Es ist ein absolutes Nischenprodukt und wird es wohl auch bleiben. Ich möchte den Tieren auf jeden Fall nicht zumuten, Tag für Tag mit unzähligen Reisegruppen ein „get together“ auf der Gummfluh zu halten. Nein, diese Angebote werden klein, fein und exklusiv bleiben. Aber auch damit entsteht am Ende des Tages eine touristische Wertschöpfung. Abschliessend ein herzliches Dankeschön an Christa Hauswirth, welche für die wundervollen Bilder verantwortlich zeichnet.

Liebe Leser, Sie haben nur noch ein, zwei Tage Zeit, diesen faszinierenden Tieren vor Ort Hallo zu sagen. Danach kommt der Schnee und er bleibt hoffentlich den ganz Winter in genügender Menge liegen. Damit unsere zahlreichen – die genaue Anzahl habe ich vergessen – Pistenkilometer auch befahren werden.

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