Willkommen zu den Tagebuch-Einblicken in eine der renommiertesten und genussreichsten Ferienregionen der Schweiz.
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Freitag, 26. März 2010

Wie ein "Bündner Alphüsli" zum Stein des Anstosses wird

Zurzeit erhitzt im Dorf Gstaad ein Objekt die Gemüter, das wohl andernorts kaum der Rede wert wäre. Es geht um einen Verkaufsstand, der an prominenter Stelle der verkehrsfreien Gstaader Promenade Produkte aus dem Bündnerland verkauft. Das darf nicht sein, so der Tenor von vielen Einwohnern. Die sich am "Bündnerhüsli" entzündende Reaktion ist symptomatisch. Was steckt dahinter?


Die Ablehnung des als Fremdkörper wahrgenommenen Standes durch Dorfbewohner hat diverse Motive: Es gehe nicht an, dass auf Gstaad Vorzeigemeile regionsfremde Produkte verkauft werden. Dies verstosse gegen das Ziel, hier Einheimisches und Authentisches zu bieten. Es könne nicht sein, dass auf Gstaads Herzstück Profiteuren immer mehr Raum gegeben werden, die lediglich während der Saison Nutzen aus der Popularität des durch hohe lokale Investitionen ausgebauten Dorfzentrums zögen. Oder: Gstaad verkomme mit solchen Aktionen, zu denen übrigens auch Eventstände, Animationsbars, Sportanlässe direkt auf der Promenade etc. gehören immer mehr zur Jahrmarktbude. Aussagen dieser Art stehen aber auch andere Meinungen gegenüber. Gstaads Promenade sei zu wenig lebendig. Es müsse Abhilfe geschaffen werden.

Wer hat Recht in dieser Debatte? Tatsache ist einerseits, dass sich Gstaad mit Erfolg (von dem andere träumen) einem Gästepublikum verschrieben hat, das vornehmlich Gelassenheit, Ruhe und Genuss in authentischem Rahmen sucht. Erhärtet wird dies durch Ergebnisse einer Umfrage, die Gstaad Saanenland Tourismus vor einigen Jahren bei im Dorfzentrum flanierenden Gästen durchführen liess. Ihre grossmehrheitliche Meinung in Kürze: Action etc. in der Promenade suchen wir nicht. Wenn schon, dann aber authentisch auf das Saanenland bezogen. Tatsache ist aber ebenso, dass Einwohner, die hier leben, ihr Dorfzentrum vor allem in der Neben- und Zwischensaison als zu steril und leblos empfinden. Es besteht eine klassische Konfliktsituation.

Es ist an der Zeit, die Debatte ganzheitlich anzupacken und nicht nur am Einzelobjekt zu streiten. Für den öffentlichen Raum in der Gstaader Promenade besteht zwar ein Gemeinde-Nutzungsreglement. Dieses allein ist aber nicht hinreichend (Privatgrund) und entspricht zudem offensichtlich nicht mehr den Erwartungen und Erfahrungen mit der Gstaader Promenade. Gstaad braucht einen gemeinsamen Nenner, wie seine Flaniermeile in Zukunft genutzt werden soll. Kompromisse zwischen öffentlichen und privaten Interessen sind dabei unausweichlich. Sie dürfen aber nicht einfach dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprechen. Denn die Ferienregion Gstaad ist und bleibt eine ausgeprägte Genussregion, die "slow down" im Gegensatz zu aufgesetzter Geschäftigkeit und Hektik zu ihrem Kernvorteil gemacht hat.

Text: Roger Seifritz

Kommentare:

  1. Einmal mehr kann ich @Mr_Gstaad mehr als nur zustimmen und den Hauptsatz des Blog's nochmals in die Gstaader Sterne rufen: "Gstaad braucht einen gemeinsamen Nenner, wie seine Flaniermeile in Zukunft genutzt werden soll." Punkt

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  2. Man darf den Slogan «Come up – slow down» nicht mit «sleep down» verwechseln. Wenn Erfrischendes, Spontanes, Unerwartetes, Unkonventionelles auf der Promenade keinen Platz mehr hat, dann droht Eintönigkeit. Als Gstaad-Gast muss ich sagen: Vorsicht vor dem Gähn-Effekt!

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