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Donnerstag, 28. Januar 2010

Sind Immobilienblasen gut oder schlecht?

Klaus J. Stöhlker, der bekannte Unternehmens- und PR-Berater, stellt in einem Blog-Beitrag für boomende Immobilien-Hochburgen wie St. Moritz, Crans Montana, Gstaad oder Zug eine interessante These auf. Formuliert für Gstaad lautet sie so: "Wenn in Gstaad geklagt wird, Einheimische müssten ins Simmental ziehen, weil die Spekulation heiss laufe, ist dies doch kein Schaden. Gemeinde und Kanton haben mehr von gut zahlenden Neubürgern als von Altbürgern, die der guten alten Zeit nachtrauern". Er argumentiert, dass eben nur an den allerbesten Lagen eine entsprechend hohe Nachfrage bestehe, an der viele (auch der Staat) gut verdienen würden. Oder: Booms wie in Gstaad sind nötig, weil sie Privaten und Gemeinwesen dienen, auch wenn sie Nebeneffekte wie Abwanderung von Einheimischen bewirken.

Der Gedanke hat durchaus etwas für sich, zumindest aus rein wirtschaftlicher Sicht und für einen geografisch weit gefassten Raum. Einer näherer Betrachtung hält die These jedoch nicht Stand. Sie beachtet nämlich nicht, dass es in einem durch eine Immobilienblase betroffenen Raum ja nicht nur um Immobilien und Bauen geht, sondern um ein aus langfristiger Sicht nachhaltiges Wirtschaften. Einer der wesentlichen Trümpfe des tourismusabhängigen Saanenlandes ist seine alpine Echtheit. Es ist die Tatsache, dass in dieser Region (noch) Einheimische leben und mit Stolz ihr Erbe und ihre Volkskultur bewahren. Einverstanden, theoretisch könnte die Ferienregion Gstaad auch ohne Herzblut und Schollenverbundenheit Tourismus betreiben. Viele Beispiele machen das ja vor, zum Beispiel in den Savoyer Alpen oder Rocky Mountains. Auch in der Schweiz läuft die Tendenz in diese Richtung. So entsteht zum Beispiel in Samih Sawiris Andermatter Resort betreffend Infrastruktur und touristischen Angeboten nur das Beste vom Besten. Es wird ohne Zweifel seine Anhänger finden. Was allerdings dort nicht entsteht, ist Herzblut, Schollenverbundenheit, lokaler Stolz und echte Volkskultur. Gstaad hat das (noch). Geht es verloren, opfert Gstaad nicht nur seine Seele dem schnellen Profit, sondern auch einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil. Darum, Herr Stöhlker, haben Sie nicht Recht.

Kommentare:

  1. Hallo Mr. Gstaad

    Wieder einmal bin ich mit Ihnen einer Meinung. Besser hätte man dies nicht formulieren können.
    Trotzdem besteht der Boom. Und das grosse Geld lockt die Landbesitzer.
    Hoffen wir, dass sich möglichst viele dem (Mehr)wert von "Herzblut, Schollenverbundenheit, lokalem Stolz, echter Volkskultur" und intakter Natur bewusst bleiben bzw. werden.
    Oder gibt es andere Lösungsansätze? Ausser die Einheimischen auf Ihre "Seele" aufmerksam zu machen.

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  2. Der Herr Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker hat zu 100% recht.

    Wenn ich mich mit dem heutigen Bewusstsein um fünf Jahre rückwärts drehe, hat genau die stöhlkerische Sichtweise - auch anderer Unternehmensberater - das wirtschaftliche Desaster ausgelöst. Was zählte und leider noch immer zählt, war eine möglichst grosse Rendite in möglichst kurzer Zeit zu erwirtschaften. Nachhaltigkeit scheint für die beratende Zunft ein Fremdwort zu sein. Spitz formuliert wäre das Saanenland vielleicht während drei Monaten bevölkert. Neun Monate entvölkert.

    Ein Ort wie Gstaad lebt vom Mix der Menschen. Einheimische, Schweizer und Ausländer. Das Saanenland ist nicht von Beratern erfunden worden (leider ab und zu beraten), sondern das Saanenland ist gewachsen. Schön und langsam, wie die Natur uns dies vormacht. Und das ist gut so.

    Tragen wir Sorge zu unserer Mentalität und Werten und verkaufen nicht unsere Seele wie die Güllener in Dürrenmatt's Stück "der Besuch der alten Dame".

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  3. Die "Logik" von Herrn Stöhlker verkennt, dass Authentizität das ist, was die Menschen heute am meisten suchen - aber sich auch genau das nicht kaufen lässt. Echtes Leben bedingt Menschen, die an einem Ort echt leben (können).

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  4. Lieber Roger
    Deine Antwort auf die Ansicht von Herrn Klaus Stöhlker kann ich in jeder Einzelheit vollumfänglich gut heissen. Stöhlkers Ideen haben ihre Wurzeln in eben dieser Herzblutmördergrube und genau die von ihm formulierten Ideale sind das Gift in der Entwicklung des Saanenlandes mit all seinen positiven Seiten. Die aktuelle Lage im Saanenland ist an einem ganz empfindlichen Punkt angelangt. Wenn während Jahrhunderten die in der Chronik erwähnten Geschlechter hier ihr Dasein bestritten haben, hat mit dem Bau der MOB 1905, dem Hotel Palace 1912/13 und dem Rosey 1917 eine in jeder Hinsicht massvolle Blütezeit ihren Anfang genommen. Die damaligen Gäste haben Charme und Schönheit erkannt und obwohl nicht einheimisch, in wertvoll zurückhaltender Art und Weise an einer positiven Entwicklung prospektiv mitgearbeitet. Sie waren intelligent genug, um nicht eine Lawine der Masslosigkeit loszutreten. In den letzten Jahren stellen wir aber unzweifelhaft eine ungute Entwicklung fest: die ungute Brut der neureichen Einheimischen solidarisiert sich mit der nicht besserern Brut der auswärtigen Neureichen und es kristallisiert sich daraus eine verhängnisvolle Allianz weg vom Herzblut hin zu reiner Gier charakterlicher Analphabeten. Dabei haben die Exponenten des auswärtigen Neureichentums imposant demonstriert, wie man in kürzester Zeit die Weltwitschaft an die Wand fahren kann.Wenn im Saanenland die wuchernde Kultur der Mikroben in den Petrischalen von schamlosen Immobilienfritzen und leicht beschulsackten Architekten den Lead übernehmen, wird die Entwicklung unheilvoll. Wenn ich vor drei Jahren anlässlich der GST GV gesagt habe, unser Problem sei einzig der Umgang mit der Masslosigkeit widerspricht mir heute wohl keiner mehr. Die einzige Lösung sehe ich schlussendlich nur da, wo beispielsweise der Gemeindebürger an einer Gemeindeversammlung in den Raumplanungsgeschäften und der Definition wer und was als einheimisch zu gelten hat ,unmissverständliche Zeichen setzt.
    Mit Gruss und Hutschwung Christian Reuteler, Arzt

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