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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Hotels statt Sammelsurium

Die deutsche ZEIT setzt sich in ihrer aktuellen Ausgabe breit mit dem gewaltigen Hotelprojekt des legendären Suvretta House in St. Moritz auseinander. Im "Reich der Entrückten", so der Titel der Geschichte, soll alles noch besser, gastlicher und authentischer werden. Vor allem aber sollen die Anzahl Gästebetten mit zwei neuen Hotelteilen auf bisher brach liegendem Umland deutlich ausgebaut werden.

Weshalb die ganze Liebesmüh, wenn es im Suvretta House doch offensichtlich auch so läuft? "Weil wir der kommenden Generation eine Perspektive bieten und den Hügel vor noch mehr Zweitwohnungen bewahren wollen", sagt Vic Jakob. Sein Haus müsse in St. Moritz eine "Vorbildfunktion" haben, denn "so kann es nicht mehr weitergehen". "St. Moritz ist von der Entwicklung überrollt worden, im Gegensatz etwa zu Gstaad. Das meiste hier ist nur noch ein Sammelsurium. Es braucht wieder eine Planung, die das Gesamte im Auge hat. Hier in St. Moritz muss man endlich begreifen: Der Motor der Entwicklung sind die Hotels, nicht die Wohnungen.«

Ich frage mich, ob Vic Jakobs Lob für Gstaad als gutes Beispiel nicht etwas zu blauäugig ist. Wir sind nämlich auf dem bestem Weg, ein zweites St. Moritz oder Crans-Montana zu werden, ein Sammelsurium mit absurd hohen Saisonspitzen und ansonsten ständig mehr geschlossenen Fensterläden von Zweitwohnungen, kombiniert mit Nur-Boutique-Meilen in Dörfern ohne einheimischen Bewohnern. Dass wir dieser Tendenz Einhalt gebieten müssen, haben inzwischen glücklicherweise Einige erkannt. Erste konkrete Massnahmen wurden ergriffen. Mehr muss allerdings noch folgen. Dabei hallt mir vor allem ein Satz von Vic Jakob im Ohr, der längst nicht nur für St.Moritz gilt: Auch hier in Gstaad muss man endlich begreifen: Der Motor für eine nachhaltige Entwicklung sind die Hotels, nicht die Wohnungen.

Wir bleiben dran!

Text: Roger Seifritz

Kommentare:

  1. Roger Seifritz hat das gut erkannt. Wir sind sicherlich mit der Planungszone etwas aufgerüttelt worden, doch sollte diese je nach Projekt (warme Hotelbetten etc.) berücksichtigt werden.

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  2. Roger Seifritz hat - leider - Recht. Nicht nur im Zweitwohnungsbau nähern wir uns St. Moritz und dem Engadin. Auch die Promenade in Gstaad ähnelt immer mehr der Via Maistra in St. Moritz. Edel Boutique an Edel Boutique, welche während drei Monaten im Jahr das Dorf "beleben". Wenn das Herz, sprich Dorfzentrum verkauft wird, stirbt das leben in einem Dorf. Und, wer will Ferien in einem leblosen Dorf machen?
    Gerechterweise muss gesagt werden, dass die Einheimischen für den Ausverkauf sorgen und für den eigenen, kurzfristigen Erfolg bedacht sind. Ethik und Werte zählen in der heutigen Zeit leider nichts mehr.

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  3. Auch im Zweisimmen spüren wir langsam aber sicher Entwicklungen wie in Gstaad bzw. wegen Gstaad. (Nicht das dies grundsätzlich schlecht ist!)
    In letzter Zeit ist der Preis im Wohnungsmarkt angestiegen. Ferienhäuser, die ein Grossteil des Jahres leer stehen, wurden gebaut.
    Doch es sind auch Ferienwohnungen entstanden, die regelmässig genutzt oder aktiv vermietet werden. Und mit den neuen Tourismuszonen, die aus den "alten" Hotelzonen entstanden sind, besteht wenigstens Hoffnung auf neue, warme Betten.
    Verbunden mit dem intakten Dorfleben, den vielfältigen, lokalen Läden und dem starken Gewerbe, stehe ich der Entwicklung in Zweisimmen bis jetzt positiv gegenüber.

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  4. Dis Saisonspitzen werden unerträglich und sind beängstigend.

    Das Angebot an Restaurants, Bars und Nachtclubs ist nicht mit dem Chaletboom gewachsen. Im Palace haben wir ernsthafte Probleme mit den Menschenmengen die uns jede Nacht übrollen. Wir können die Qualität in den Spitzentagen nicht mehr garantieren. Das Hotel gleicht dem Berliner-Hauptbahnhof nach dem zweiten Weltkrieg. Die Chaletgäste gewinnen die Oberhand und verscheuchen die Hotelgäste.

    Leider sind viele Genossen vom Geld geblendet und sehen nicht, oder wollen nicht sehen, was sie für ein Schaden anrichten.

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  5. Ich finde diesen Beitrag äusserst interessant.
    Mein Blickwinkel ist daher etwas differenzierter, wir sind Gäste im Saanenland, seid gut 18 Jahren. Früher war das Gstaad eher ein Ort für die eher diskreten und bescheidenen, sagen wir mal, "vermögenden-aber-lieber-nicht-zur-schau-stellenden" Touristen. Das Problem ist der Wandel der Gesellschaft. Gstaad begibt sich auf das (von mir aus gesehen) sehr gefährliche Terrain des Angebots für die "oberste Gesellschaftsschicht". Das heisst: Nur noch Boutiquen, nur noch Luxus, nur noch exklusives, für die (ganz) gut zahlenden Gäste. Der gute alte Mittelstand bleibt dabei auf der Strecke.
    Nicht nur der Mittelstand.

    Was passiert wenn die neu-reichen (ja, sie haben Geld,...) in ein 5* Hotel einmarschieren? "Bitte eine Flasche,...aaah,...wie hiess der noch mal? Ah ja! Chateau Pétrus! Aber bitte mit Wasser vermischen, meine Frau trinkt ihn sonst nicht" . Also. Und mit solchem verhalten stört man von mir aus gesehen die restliche Kundschaft.

    Die Natur, die Schönheit, die Idylle welche im Saanenland herrscht wird gar nicht mehr beachtet. Protzen, statt kleckern. Ich denke, das war früher nicht so. (da ich zu dieser Zeit wohl noch nicht auf der Welt war)

    Ich bin selber jung, aber mich schreckt es ab, wenn ich 15-Jährige mit Roederer Crystal in der Promenade sehe. Das ist (zu) dekadent, und für dekadenz kann ich nach St.Moritz. Aber bitte nicht in Gstaad.

    Das ist meine Sicht.

    Nun, wie geht man das "Problem" an? Mehr Hotels (= mehr Konkurrenz) ? Weniger Wohnungen (= noch höhere Immo-Preise)? Suvretta-Style? Umzonungen? Änderungen von Bau -und Miet- Vorschriften?

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  6. rolf christeller19. Januar 2010 um 15:06

    Sehr geehrter Herr Seifritz,

    Wie bei Vielem im Leben ist die Diagnose einfacher als die Therapie.
    Zur Geschichte:
    In 50er Jahren beschäftigten Firmen wie „Moratti Bauunternehmung “ oder „Matti Chaletbau“ je rund 10 - 20 Angestellte.
    Heute haben diese Firmen zwischen 150 und 200.
    Warum diese Entwicklung?
    Nach der „normalen“ Nachfrage durch gut situierte Schweizer, die aber in ihrer Zahl
    beschränkt war, verstärkte sich in den 60er/70er Jahren die ausländische Nachfrage, und
    dadurch die Anzahl der potentiellen Nachfrager ins praktisch Unermessliche.
    Entstanden ist nun das altbekannte Dilemma der Marktwirtschaft: Das Gut "Boden" ist nicht vermehrbar(ausser in Dubai).
    Stand heute:
    Die Kapazität in der Bauwirtschaft ist, propotional zur gesamten Wirtschaft im Saanenland, viel zu hoch. Für eine nachhaltige Entwicklung müssten - vereinfacht gesagt - einheimische Bauleute zu Hotelangestellten umfunktioniert werden. Das ist aber leichter gesagt als getan.
    Langfristig gibt es aber für das Saanenland keinen andern Weg, als den Sekundärsektor
    zugunsten des tertiären abzubauen. Ein mögliches Beispiel wäre m.E. die geplante Klinik im Schönried:
    Im Planungszeitraum von 10 - 15 Jahren wäre es durch eine gezielte Steuerung möglich,
    einheimische junge Leute in medizinischen Berufen auszubilden, um so eines Tages auch
    an der besagten Klinik einzusetzen.
    Jedenfalls gratuliere ich Ihnen zu Ihrem Mut, denn es ist nicht einfach, sich kritisch zur Baulobby zu äussern.
    Bleiben Sie auch der „Zeit“ als Leser treu. Es ist eine der letzten Zeitung, die nicht
    nur informiert, sondern auch w e i s e r macht.

    Freundliche Grüsse
    Rolf Christeller
    Saanen

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